Youn Sun Nah (Korea) & Ulf Wakenius (Schweden)
Sonntag, 25. Juli 2010, 20:00 Uhr, Volksbad Jena
| VVK voll | erm. | AK voll | erm. |
| 9,00 | 7,00 | 11,00 | 9,00 |
Jokerkarten gelten, Kinderkartenpflichtig
Irgendwann war es Youn Sun Nah wahrscheinlich leid, beständig – und höchst erfolgreich – in Südkorea die Musicaldarstellerin zu geben (unter anderem in der lokalen Inszenierung des schrägen Berliner Erfolgsfetzens „Linie 1“). Überhaupt, wo bleibt die Herausforderung, wo das Risiko, wo das künstlerische Abenteuer? Nein, das war alles nichts für eine Frau von gerade einmal Mitte zwanzig. So schmiss Frau Youn 1995 die Musicalbrocken hin, verabschiedete sich von einem Millionenpublikum und reiste allein ins ferne Europa, um an der ehrwürdigen CIM in Paris Jazzmusik zu studieren. So erlebte Paris in den folgenden Jahren die langsame, aber absolut zwingende Entfaltung der Stimmkünstlerin, Jazzsängerin, Trip-Hop- und Scat-Liebhaberin Youn Sun Nah. Hier entdeckte sie einen messerscharfen, an Billie Holiday geschulten Jazzgesang, gründete ihr eigenes Quintett, änderte ihren MySpace-Eintrag in „Jazz/Trip-Hop/ Nu Jazz“ und wurde gefeierter Gast auf Jazz- und Musikfestivals in ganz Frankreich.
Möglicherweise ist die Energie, die Youn Sun Nah ausstrahlt, ihrer schon so lange währenden Migrationsgeschichte geschuldet. Migration nicht nur in politisch-geografischer Hinsicht, als Koreanerin in Europa, auch musikalisch, als Tochter eines Dirigenten und einer Sängerin, selbst Musicalsängerin, gestählt in unzähligen westlichen und östlichen Unterhaltungsshows, die sich bewusst für eine Entdeckung des eher afroamerikanischen und europäischen Klangarsenals entschied. Mittlerweile, um die Dopplung zu vervollkommnen, ist sie auch wieder in Korea ein Star, im Gegenzug erweiterte sie ihr Songbook auch um gänzlich abwegig scheinende Quellen, Lieder von Egberto Gismonti, Tom Waits und anderen.
Wer so viele Nebenwege geht, hat wohl auch eine robuste Vision des eigenen künstlerischen Ideals. Auf der Bühne drückt sich das in einer, man muss es so subjektiv sagen, atemberaubenden Doppelbödigkeit aus, mit der Youn Sun Nah von der zurückhaltenden, fast hinter dem Mikrofonständer verschwindenden Poesieliebhaberin stimmlich zum sprichwörtlichen Drachen mutiert, der kurz aufsteigt, kunstvoll kreischt, mit untrüglichem Rhythmusgefühl hechelt, für einen ironiedurchtränkten Takt Arienhaftes aufblitzen lässt und dann in eine einmalige, meereshafte Stille zurückfällt.
Ja, Frau Youn ist die Meisterin der Lücke, die Artistin der emotionalen Fallhöhe, und hat sich für diese musikalischen Exkursionen einen adäquaten Partner gesucht, der als Jazzgitarrist selbst ein Star, Visionär in eigener Sache und notorischer Basecap-Träger ist: Ulf Wakenius aus Schweden. Zusammen bilden die beiden inzwischen schon seit mehreren Jahren, seit sie sich auf einem Festival trafen, ein erprobtes und wohl auf Geistesverwandtschaft beruhendes Duo, bei dem man nie genau weiß, in welche der unzähligen Richtungen der Abend verlaufen wird.



