Gustav (Österreich)
Freitag, 13. August 2010, 23:30 Uhr, Kassablanca
| VVK voll | erm. | AK voll | erm. |
| 8,00 | - | 10,00 | - |
Jokerkarten gelten nicht
Vor einigen Jahren, schien es, feierte die schon rostige Schiene „Protestsong“ eine rauschende Auferstehung: Da erschien im schönen Wien ein Song, elektronisch getrieben, versetzt mit leichter Akustik, rhythmisch, beschwingt und lebensbejahend: „Rettet die Wale“ hieß er. Der Titel ist eigentlich die Inkarnation eben dieses tot geglaubten Protestsongs und könnte jeden Hörer mit seiner naiv-missionarischen Moralkeule niederstrecken. Tat er aber nicht. Sondern wurde zusammen mit den anderen Songs des Albums zu veritablen Club- und Alternativhits, sein Schöpfer GUSTAV zu einem Star der deutschsprachigen Off-Szene. Warum?
Vielleicht weil es GUSTAV gar nicht gibt. Und vielleicht auch, weil man das Genre Protestsong komplett zerstören muss, um wieder einen echten Protestsong zu machen. Beides paradox, in der Tat, aber bei GUSTAV sieht man das gern. Denn hinter GUSTAV verbirgt sich Eva Jantschitsch, Musikerin aus Wien, seit Jahren unterwegs in diversen Biotopen von der Wiener DJ-Szene über globalisierungskritische und feministische Netzwerke bis zu den stahlharten Electro-Clash-Ladies um Chicks on Speed Records aus München. Gelegentlich spielt sie Geige bei befreundeten Undergroundbands wie Glutamat, engagiert sich politisch in Österreich und produziert eigene Songs am Laptop und mit Akustikunterstützung durch diverse Kollegen.
2004 wurde aus diesen Produktionen ein erstes eigenes Album, eben „Rettet die Wale“, und mit einem Schlag war der nicht-existente GUSTAV ein Star und der totgesagte Protestsong quicklebendig. Dabei fällt der Unterschied zu eher gutmenschelnden Ahnen wie Joan Baez sofort ins Auge: „Rettet die Wale“ wendet das Genre doppelt, tritt auf als ironisch-übermoralische Naivitätsblase, als Abgesang auf Baez und die Gitarre, und wird dadurch dann doch wieder: ein ganz ehrlicher und ernst gemeinter Song. 2004 eroberte Gustav mit dieser Mischung die Ohren einer ganzen Generation. Als Eva Jantschitsch dafür dann aber 2005 auch noch den österreichischen Musikindustriepreis Amadeus zugesteckt bekam, war das globalisierungskritische Gewissen doch erschöpft und einige Jahre Medienabstinenz angesagt.
2008 begab sich GUSTAV wieder ins Studio und legte mit „Verlasst die Stadt“ ein neues, wiederum durchaus moralisch-bewegt zu nennendes Album auf, zu Themen wie Gentrifizierung und öffentlicher Raum, emotional ein wenig finsterer als das erste Werk. Was dem Ernst ihrer Musik eine Leichtigkeit verleiht, ist – natürlich – österreichischer Humor. GUSTAV rasselt ohne Rücksicht auf Verluste fröhlichst durch Berg und Tal der neueren Musikgeschichte: neben den bekannten Laptop-Sounds auch volkstümliche Blasmusik, Schlager oder sizilianische Mandolinen. Schunkelseligkeit trifft auf Electroclash gepaart mit schwarzem Humor. Eine herbe Mischung. Aber die Lage ist eben ungemein ernst, und es gibt keinen Grund zur Entwarnung.



