Rebekka Bakken (Norwegen)
Donnerstag, 19. August 2010, 20:00 Uhr, Theatervorplatz
| VVK voll | erm. | AK voll | erm. |
| 12,00 | 9,00 | 14,00 | 11,00 |
Jokerkarten gelten nicht
Sie liebe viel Platz, sagte Rebekka Bakken einmal, unendlich viel Raum um sich herum, körperlich, zeitlich, geistig. Damit steht sie nun natürlich nicht allein, vor allem nicht in Norwegen, ihrem Heimatland, dem der beengt lebende Großstadt-Mitteleuropäer gerne noch eine gewisse weite Ursprünglichkeit unterstellt. Hier, denkt man sich, sind sie zu Hause, die unendlichen Elchherden, das Nordkap, der Sonnenuntergang über dem Fjord und dergleichen. Und ja, man darf es sagen, all das findet sich auch in Rebekka Bakkens Musikschaffen wieder.
Arena-Freunde erinnern sich, schon einmal projizierte sie (2005) ein klangliches Nordlicht in den Jenaer Nachthimmel, mittels ihrer stärksten Waffe, der Stimme. Die ist so wandlungsfähig, so emotional und breit wie nur ganz wenige. Frau Bakken hat mit ihr auch schon weite Wege durch die Musikwelt unternommen. Angefangen beim Rhythm ’n’ Blues und Rock, dem sie in ihrer Jugend frönte, über die Orientierung gen Jazz und Funk, die sie bis heute wesentlich prägt, bis hin zu Ausflügen ins Balladenund Popfach, dem sie sich auf ihrem letzten Album widmete. Immer ist es ihre Stimme, die den Songs ihren Stempel aufdrückt, und immer ist es die Stimme, die in Erinnerung bleibt. Vor allem wenn sie sie für ungewöhnliche Zwecke einsetzt, wie in der Duoarbeit mit Wolfgang Muthspiel (noch vor den ersten eigenen Platten) oder in der Kooperation mit dem Julia Hülsmann Trio, bei der sie schon sonderbar zu nennende Texte von E. E. Cummings interpretierte und damit einige Augenbrauenheber in der Jazzszene verursachte.
All das zeigt: Frau Bakken hat ihre Ecken, ihre Kanten und ganz persönlichen Neugierden, und das macht sie zu einer großartigen Künstlerin. Die sich auch mal erlauben darf, ins scheinbar gefällige Pop- und Balladenfach einzutauchen. Denn nichts, was sie antippt, bleibt nur Oberfläche. Den Seitenweg namens Pop wagte sie im letzten Jahr, in einer Zusammenarbeit mit dem Produzenten Craig Street (der unter anderem auch mit Lizz Wright und Cassandra Wilson arbeitet). Für dieses Album kehrte sie auch zum ersten Mal seit ihrer „wilden Zeit“ um die Jahrtausendwende nach New York zurück, genauer gesagt an einen magischen Ort in der Nähe: nach Woodstock in den Catskill-Bergen, in denen sowohl noch das Hippiefeeling der 60er Jahre als auch die viel ältere Neuenglandromantik zu Hause ist. So mischen sich denn auch auf „Morning Hours“ norwegische Weiten mit amerikanischen Landschaften, und folkige Balladen treffen auf Singer-Songwritertum mit intimer Klavierinstrumentierung. Hier hat sie augenscheinlich genau den weiten Raum gefunden, den sie – vor allem in den Morgenstunden – so liebt.
Und auch wenn sie selbst sich nie als Jazzsängerin gesehen hat, ihre Stimme ist live auch im Balladenfach derart jazzig zupackend und raumgreifend, hier hat sie einen Raum auf Lebenszeit schon sicher. Ihren ganz persönlichen, stilübergreifenden, weiten.






