Die Kulturarena in Jena

Das Gegenteil von Sommerloch

Jedes Jahr im Sommer ist in Jena ein sehr spezielles Phänomen zu beobachten:
Da sitzen Software-Entwickler versonnen an den Fenstern ihres Bürohochhauses, da unterbrechen Universitätsangestellte ihre Seminare, da schwingen sich Markthändler fröhlich im Takt. Und weshalb?
Weil in der Kulturarena wieder einmal ein Künstler seine Instrumente checkt.

Die Kulturarena Jena ist – das weiß jeder, der einmal zur Sommerszeit tagsüber durch die Jenaer Innenstadt spaziert – nicht nur einfach ein weiteres Musikfestival. Es ist seit 1992 ein die ganze Stadt ergreifendes Ereignis, eine eigene Jahreszeit, ein kulturelles Kraftzentrum. Nicht nur kommen in sechs Wochen insgesamt über 70.000 Besucher auf den Arenaplatz vor dem Theaterhaus, zusätzlich sitzen auch noch jeden Abend Hunderte Menschen lauschend auf den Straßen und Plätzen rund herum, oder genießen eben die die ganze Stadt durchwehenden Klänge während der Soundchecks am Nachmittag. 

Ähnliche Phänomene, in denen eine ganze Stadt für eine lange Zeit im Takt der Kunst schwingt, kennt man sonst nur von großen Festspielen wie in Salzburg oder Bayreuth. Mit der Kulturarena hat es Jena jedoch geschafft, eine eigene, entspannte Festspieltradition zu erschaffen, die ohne Glanz und Abendkleid auskommt. Die Kulturarena ist stattdessen ein natürliches Stadtereignis, hierher kommen die Jenenser ebenso wie zahlreiche Gäste und Touristen, um sich zu treffen, zu diskutieren, einen Wein zu trinken, und natürlich Musik aus aller Welt zu lauschen. 

Zahlreiche Stars gaben sich hier schon die Klinke in die Hand: von Patti Smith über John McLaughlin bis Ruben Gonzales, von Esbjörn Svensson über Sophie Hunger bis CocoRosie. Daneben gastieren auch immer wieder unbekannte, oder noch-nicht-bekannte Musiker und Künstler.

In Künstlerkreisen genießt die Kulturarena daher einen ebenso exzellenten Ruf wie auch bei den Zuschauern: große Neugier den globalen musikalischen Entwicklungen gegenüber, kombiniert mit höchster technischer Qualität und entspanntester Gastgeberfreundlichkeit für jeden einzelnen Künstler. Da kommt man gerne wieder. Aber am wichtigsten: ein zahlreiches, immer wieder offenes Publikum, das auch die unbekannten Künstler begrüßt wie Stars. 

Die Anfänge des Festivals liegen – wie bei so vielem Guten – inmitten puren Chaos‘. Die Wendezeit um 1990 hatte im Jenaer Stadtzentrum ein halb abgerissenes, funktionsloses Stadttheater hinterlassen, eine untragbare Lücke sowohl in architektonischer als auch kultureller Hinsicht.

Parallel zur Neugründung des Jenaer Theaterhauses wurde daher auch die Gründung eines internationalen Musikfestivals betrieben, um den freien Platz vor dem Theater zu füllen, und den lang unterdrückten Hunger der Jenenser nach Kultur aus der ganzen weiten Welt zu stillen. 

So entstand 1992 innerhalb weniger Jahre im Jenaer Stadtzentrum ein Gegenentwurf zu ostdeutschen Zerrbildern von Fremdenhass und Städteflucht: ein lebendiges, von der Bevölkerung mit großer Neugier getragenes Festival internationaler Musik, Film- und Theaterkunst. Schon nach fünf Jahren konnten insgesamt 40.000 Besucher gezählt werden, zum zehnjährigen Jubiläum 2002 waren es 70.000 Menschen – eine Marke, die seitdem bis heute konstant Bestand hat. 

Denn ewiges Wachstum gehört nicht zu den Maßgaben des Festival. Vielmehr zählt die künstlerische Qualität. Dementsprechend hat sich auch das Programm des Festivals zusammen mit der Musik- und Kunstszene verändert. Gehörten zu Beginn in den 1990er Jahren vor allem Weltmusik und klassischer Jazz zum Kernprogramm, gesellten sich seit der Jahrtausendwende zunehmend anspruchsvolle Popmusiker hinzu. Seit einigen Jahren findet ebenfalls die wieder erstarkte deutschsprachige Szene ihren Platz in der Arena.

Auch in der Breite wuchs das Programm: neben den Konzerten tragen die Theatereröffnung, die klassischen Ouvertüre-Konzerte, die Kinderprogramme, die Clubreihe sowie intimen Akustikkonzerte und vor allem die Filmabende an den konzertfreien Tagen ganz wesentlich zum Gesamtprogramm bei.